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Alte Urkunden mögen dem kundigen Forscher
mancherlei berichten aus vergangenen Zeiten, doch nur wenige Fachleute
finden sich in diesen vergilbten Blättern zurecht und wissen die
eigenartigen Schriftzeichen zu entziffern. Vieles bleibt dunkel, manches
überwuchert die Phantasie und die Sage. Da bringt oft das Bild mit
überraschender Anschaulichkeit die Klärung und offenbart die Wirklichkeit in
vielen Einzelheiten, die Urkunden bisher verschwiegen haben. Ein schönes
Beispiel ist dieses Bild vom alten Dinslaken, das um 1600 ein unbekannter
Künstler zeichnete und das uns als älteste bildliche Darstellung der Stadt
besonders wertvoll ist. Es handelt sich um einen Kupferstich in der Größe
einer Postkarte. Das Bild wurde von Willi Dittgen im Jahre 1949 in der
umfangreichen Sammlung des Notars Angerhausen in Rheinberg gefunden.
Lasst uns nun dem Zeichner über die Schulter
schauen und sehen, welche Einzelheiten sein Stift auf dem Papier
festgehalten hat. Wir befinden uns westlich der Stadt, ungefähr dort, wo
heute das katholische Krankenhaus steht, und schauen über die Felder, die
zum Brinkerkamp gehören, zum Rotbach hinunter. Hier befand sich auch das
sogenannte kleine Bruch, "dat klyne Broichsgen büssen der Eppinghaven
Portzen gelegen". Eben treibt ein Hirte, den Mantel über die Schulter
gerollt, eine Schweineherde ins Averbruch. Vielleicht gehört sie auch zu dem
großen Hof Bärenkamp, der damals im Besitz der Familie Ingenhoven war.
Weiter hinten fließt, von Baumreihen umsäumt,
"die Beek", der Rotbach. Er zog in mehreren Armen durch und um Dinslaken und
versorgte sämtliche Gräben der Stadtbefestigung mit Wasser. Ein Arm trieb
die Wassermühle am Altmarkt; und wurde daher auch "Müllenbeek" genannt. Auf
einer Karte des Jahres 1659 ist der Bach als "Churfürstl. Möhlenbach, der
Leygrabe genannt", bezeichnet. Der Bach war außerordentlich fischreich und
mancher alte Dinslakener wusste 1950 noch zu erzählen, wie er als Junge
armlange Hechte hier gefangen hat.
Deutlich ist auf dem Bilde die Stadtmauer zu
sehen, die damals noch den ganzen Ort umschloss und dem Bürger in
Kriegszeiten Schutz vor Überfall und Plünderung gab. Heute sind noch Reste
an der Grünanlage am Rotbach zu sehen. Damals war die Mauer etwa 3 m hoch
und wurde in Abständen von 10 m durch breite äußere Strebepfeiler gestützt.
Dinslaken bestand aus zwei Bezirken, der Altstadt und der Neustadt. Zu
letzterer gehörten die Häuser, die zwischen der heutigen Hauptstraße und dem
Neutor und zwischen Wallstraße und Rutenwall lagen. Sehr wahrscheinlich
hatte nur die Altstadt einen festen Mauerring, während man sich zum Schutz
der Neustadt mit Wassergräben und Pallisaden begnügte. Die Unterhaltung der
Befestigungen war sehr kostspielig und die Einwohner mussten immer wieder zu
Sonderabgaben für diesen Zweck herangeholt werden. Im. Jahre 1502 erlangte
der Magistrat das Recht, eine Biersteuer zu erheben. Außer der gewöhnlichen
Gruitabgabe, die in die herzogliche Kasse floss, sollte von jedem Fass ein
Stüber entrichtet werden. Der Betrag wurde zum großen Teil für die
Instandsetzung der Stadtbefestigung verwandt.
Und nun erreicht unser zum linken Bildrand
schweifender Blick das damalige Wahrzeichen der Stadt, den hohen
Schlossturm, der mit seiner Höhe von 40 m alle Gebäude und Kirchen
Dinslakens Überragte und weit ins niederrheinische Land hinausschaute. Jetzt
verstehen wir die bewundernden Äußerungen unserer Vorfahren. In drei
mächtigen Geschossen, mit überdachten Wehrgängen reckte sich der Riese
empor. Alle Reisenden, die von Dinslaken schrieben, berichteten über dieses
Bauwerk. In einer Urkunde des Jahres 1539 wird noch von dem "gewaltigen
Turm" gesprochen. Der Chronist der Herzöge von Kleve, Gert van der Schüren,
weiß ebenfalls mit Nachdruck den Dinslakener Turm zu erwähnen, als er die
Ruhmestaten des Herzogs Adolf I. von Kleve aufzählt, der von 1394 - 1448
regierte und sehr baulustig war. Der Chronist schreibt: "Dat trefflichkste
wan werntlicker tymmeringen disselve. hertoghen Adolphs is geweist ... den
herliken toern to Dynslaken."
Ein Blitzschlag soll den Turm um 1770
auseinander gerissen haben. Als man um 1820 auch die letzten Reste
beseitigen wollte musste man den unteren Teil stehen lassen, "da man
durchaus hätte Pulver brauchen müssen um die feste Masse ohne zu große
Unkosten trennen zu können." So blieb denn der mächtige Quadersockel des
Turmes stehen. Er bildet heute noch den wuchtigen Hintergrund unserer
Freilichtbühne.
Am äußersten linken Bildrand entdecken wir schließlich. die Dächer und
Treppengiebel der übrigen Gebäudlichkeiten des Schlosses. Der bereits
erwähnte Herzog Adolf I. von Kleve hatte die Anlage weitgehend ausgebaut.
Der Hauptbau ist wahrscheinlich kurz nach Entstehung dieses Bildes im Krieg
der Spanier mit den Niederländern im Jahre 1629 niedergebrannt worden. Die
Zerstörung, war zwar sehr gründlich, doch ließen sich die Gebäude wieder
soweit herrichten, dass noch manches, Jahrzehnt der Rentmeister hier
residieren konnte. Später ging "das Castel" in Privatbesitz (de Fries) über.
Um die letzte Jahrhundertwende erwarb die Stadt Dinslaken das Schloss und
stellte es im Jahre 1908 der neu aus der Taufe gehobenen Kreisverwaltung
Dinslaken als Amtssitz zur Verfügung. Doch 24 Stunden nach dem Einzug des
damaligen Landrats brannte das Gebäude restlos aus. Im gleichen Stil
entstand sehr schnell ein neues Verwaltungsgebäude. Am unseligen 23. März
1945 wurde im Hagel der Bomben das Gebäude restlos zerstört. Nur der älteste
Teil mit dem eckigen und dem runden Turm blieb in seinem Mauerwerk erhalten.
Doch damit wären wir bei der Betrachtung des
alten Stadtbildes schon wieder in der Gegenwart angekommen. Das Bild von
1600 ist uns fremd geworden. Heute erscheinen uns die Stadtansichten von
1939 seltsam, da der Krieg vieles Markante aus dem Dinslakener Stadtbild
hinweggefegt hatte. Wie so oft in der Geschichte, standen die Dinslakener
vor einem neuen Anfang und begannen ein neues Stadtbild zu formen. Vieles
mag dabei modern und großzügig sein. Bei jeder Planung aber sollen sie das
pflegen und hüten, was an die Geschichte der Stadt erinnert und sich durch
alle Fährnisse der Jahrhunderte in die Gegenwart hinübergerettet hat.
Nach Willi Dittgen im
Heimatkalender Kreis Dinslaken 1950

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