Dinslakener Geschichte:

Vorwort
 



 

Übersicht Geschichte

 

 

In grauer Vorzeit

Es war kein einladendes Fleckchen Erde, das unsere Vorfahren vor Jahrtausenden bisweilen zum Fischen und Jagen nutzten. Jener Landstrich zwischen Emscher und Lippe hätte zwar guten Grund und Boden abgeben können, denn er lag auf der von Geologen so benannten Niederterrasse, die in Rheinnähe mit einer fruchtbaren Hochflutlehmdecke überzogen ist. Aber nachdem in der letzten Eiszeit ein Schmelzwasserstrom darüber hinweggegangen war, blieb von Süden nach Norden ein breiter Bruchgürtel zurück. Der von Osten nach Westen fliegende Rotbach sorgte zusätzlich mit seinen Überschwemmungen für sumpfiges Gelände. Seine Hochwasserrinnen zerfurchten die Oberfläche der Niederterrasse aus Kies und Sand. Da, wo in geringer Tiefe Ton- und Lehmbänke zu finden sind, blieb das Wasser in so genannten Laken oder Brackwasserstellen stehen, die sich mit Schlamm füllten und langsam vertorften.

Diese landschaftliche Eigenart ist in die Grundform des späteren Ortsnamens eingegangen. Die Bezeichnung Laken verknüpfte sich mit der Vorsilbe ‚dins’, die sich von gedunsen ableitet und so viel wie angeschwollen oder aufgequollen bedeutet.

Inmitten dieses unzugänglichen moorigen Gebietes boten nur Flugsandinseln den Menschen der Vorzeit Raum für einen längeren Aufenthalt. Es ist nicht sehr viel, aber einige Spuren haben unsere Urahnen doch hinterlassen, und bei Grabungen und Ausschachtungen ist man hin und wieder auf Relikte gestoßen: Harpunen, Pfeilspitzen oder Reste von Beilen aus verschiedenen Epochen. Aber nicht nur Spuren menschlichen Lebens, auch Reste einer vor Urzeiten untergegangenen Fauna und Flora, wie das Fragment eines Wisentschädels, Versteinerungen von Farnwedeln, Schuppen- und Siegelbäumen aus der Karbon- und Kreidezeit, sind gefunden worden.

Umgeben von ausgedehnten Sumpf- und Heideflächen - so stellt sich Dinslaken noch auf den Karten des 19. Jahrhunderts dar. Diese Ödlandstrecken ziehen sich, beginnend mit der Lipperheide, nordostwärts von Duisburg über Sterkrade und Dinslaken bis nach Spellen-Friedrichsfeld. Die Flurbezeichnungen deuten an, dass es sich eher um Brüche als um trockene Heiden handelt. 1850 waren noch 27% der Fläche im Kreis Dinslaken Heide, Bruch und Ödland, die meist von den Bewohnern gemeinsam genutzt wurden. Flüsse und stärkere Bäche wie Lippe, Ruhr, Rotbach und Emscher haben die Brüche entwässert, so dass trockenes Siedlungsland entstand. Die Ufer waren günstig für die Anlage von Straßen als Ost-West-Verbindungen.

Die Burg im Sumpf

Erste schriftliche Quellen, die auch den Namen Dinslaken erwähnen, sind aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts überliefert. Wenn auch die Informationen noch sehr spärlich sind, so können wir uns doch ein ungefähres Bild von den Anfängen der Stadt im Mittelalter machen. Zwei Urkunden, eine des Grafen Theoderich von Kleve aus dem Jahr 1163 und eine aus dem Jahr 1190, nennen Antonius von Dynslacken, der als ‚castellanus’ bezeichnet wird, also als Burggraf oder Burgverwalter. Dieser erste für uns greifbare Vertreter des Dinslakener Grundherrengeschlechts hatte seinen Sitz auf einer inmitten des Bruchgebietes liegenden Burg.

Die Unzugänglichkeit des sumpfigen Geländes erwies sich für eine mittelalterliche Burg als vorteilhaft, bot sie doch einen natürlichen Schutz und erschwerte Feinden und Räubern einen Angriff oder Überfall. Die Burg war als ‘Motte’, als Erdhügelburg, errichtet worden. Sie stand auf einem natürlich festen Boden, auf den vermutlich mit Erdreich eine Anhöhe aufgeschüttet worden war. Die ersten Bauten - Turm, Wohnhaus und Stallungen - wurden wahrscheinlich aus Holz oder in Fachwerk errichtet. Im 12. Jahrhundert ersetzten Steinbauten die ersten Gebäude. Wälle und vom Rotbach gespeiste Wassergräben befestigten die Anlage. Wie auch andernorts üblich, wird der Burg wohl eine kleine Ansiedlung vorgelagert gewesen sein. Hier lebten Hörige oder unfreie Bauern, die im Dienste des Burgherren die umliegenden Äcker bebauten, sowie einige Händler und Handwerker. Die Anfänge dieses kleinen Siedlungskerns bleiben im Dunklen der Geschichte verborgen, denn keine historische Quelle gibt uns Auskunft über ihr Alter oder die Umstände ihrer Entstehung. Die Burg - meist als Kastell bezeichnet - und die kleine Ansiedlung wurden jedoch später zum Ausgangspunkt der Stadt Dinslaken.

Nur wenige Jahrzehnte nach der Zeit, aus der unsere ersten Belege über die Existenz Dinslakens stammen, brach bereits eine neue Ära an: Die Burg mit Ansiedlung und zugehörigem Land kam in die Abhängigkeit der Grafen von Kleve. Immer wieder haben die Historiker gerätselt, wie es zu dem Besitzerwechsel gekommen ist. Heute ist man überzeugt, dass dem eine Heirat zugrunde liegt: Graf Dietrich Vl. von Kleve (1200-1260) schloss in den 1320er Jahren die Ehe mit Mathilde, Tochter des letzten ‘heren van Dynslaken’. Sie brachte ihr Erbe in die neue Lebensgemeinschaft ein. Die Burg wurde zum Sitz der Witwen und jüngeren Söhne aus dem Hause Kleve, aber auch die Amtmänner oder Drosten von Dinslaken ließen sich hier nieder. Die klevischen Grafen hatten sie zu Verwaltern bestellt, die das Richteramt inne hatten und mit der Finanzverwaltung betraut waren. So war die Burg - von kurzen Zeiten abgesehen - in erster Linie Verwaltungssitz. Im Laufe der Jahrhunderte immer wieder beschädigt, erweitert oder umgebaut, wurde sie zum großen Teil im Zweiten Weltkrieg zerstört und unter Beibehaltung einiger älterer Bauteile nach neuen Plänen wieder aufgebaut.

Die Stadtgründung

Fast vierhundert Jahre bestimmte die Zugehörigkeit erst zur Grafschaft Kleve, später zum Herzogtum, die Geschicke Dinslakens. Die Bindung an Kleve wirkte sich bereits einige Jahrzehnte nach der Heirat von Dietrich und Mathilde günstig für die kleine Ansiedlung im Schatten der Burg aus, denn der Sohn Dietrichs VI., Dietrich VII. (1260-1275), verlieh ihr 1273 die Stadtrechte. Vorbild für die Stadterhebungsurkunde waren die Stadtrechte von Kleve und Kalkar, und das Dinslakener Stadtrecht selbst wiederum wurde Vorbild für andere klevische Städte. Der Landesherr beabsichtigte mit seiner Stadterhebung, Dinslaken zu einem Vorposten des rechtsrheinischen klevischen Besitzes zu machen. Ihm kam es darauf an, diesen Teil seines Landes zu einem geschlossenen Territorium auszubauen.

Mit der Erhebung zur Stadt waren Privilegien, aber auch Pflichten für die neu ernannten Bürger verbunden. Wie diese aussahen, erfahren wir aus einer Urkunde von 1343, in der Dietrich VIII. von Kleve das Stadtprivileg noch einmal bestätigte und deshalb den Wortlaut der ersten, nicht mehr erhaltenen Urkunde wiederholte. Da heißt es zum Beispiel: “Außerdem sollen alle Menschen, die jetzt in der Stadt Dinslaken wohnen, welchen Standes sie auch sind, ob Unfreie oder Schützlinge, auf ewig frei sein.” Auch wirtschaftliche Vergünstigungen für Handwerk und Handel versprach Dietrich: “Desweiteren befreien wir alle Güter, die die Bürger der oben genannten Stadt über Land führen, von allen zustehenden Zöllen. Auch die Güter, die sie auf dem Wasserwege in ihre Stadt bringen, ob sie dieselben nun dort oder an anderen Orten unserer Herrschaft und in der Grafschaft Kleve verbrauchen oder verzehren wollen, befreien wir von allen Marktzöllen innerhalb unserer Länder. Weiter schenken wir ihnen die bei der Stadt gelegenen Wasserläufe und Weiden mit dem Bruche, unter Vorbehalt aller uns und unseren Erben darin zustehenden landesherrlichen Rechten, dem sogenannten Wildbann. Weiter erlassen wir ihnen den kleinen Zehnt.” Zu den Pflichten gehörte die Bewachung und Sicherung der Stadt, Leistung der Heerfahrt für den Landesherren und der Kriegsdienst. Das klang viel versprechend und verfehlte nicht sein Ziel: Menschen kamen und siedelten südöstlich der Burg, so dass schon bald ein kleines Städtchen mit einem unregelmäßig angelegten Marktplatz, dem heutigen Altmarkt, entstand.

Auf die Zugezogenen kam erst einmal ein hartes Stück Arbeit zu, denn sie mussten ihre Fachwerkhäuser auf dem von moorigen Tümpeln, den Laken, bedeckten Grund errichten. So versenkten sie schwere Findlinge oder rammten starke, angespitzte Pfähle in den Boden, die sie bei größeren Bauten zusätzlich mit Findlingen als Fundamentstein besetzten. Um im sandig-kiesigen Untergrund Halt zu finden, mussten diese Pfähle den Torf durchdringen, der sich in ehemaligen abgeschnittenen Flussschlingen gebildet hatte. Beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg stießen die Bauarbeiter in der Dinslakener Innenstadt immer wieder auf solche ‘Pfahlroste’ mittelalterlicher Bauten.

Auch die Stadtbefestigung aus Mauern, Toren, Erdwällen und Gräben als typische Wehranlage war auf dem sumpfigen Untergrund nicht einfach anzulegen. Die Dinslakener haben für die Fertigstellung sicher länger gebraucht als die Bürger anderer Städte. Mit ebenso viel Ausdauer und Zähigkeit haben die neuen Bürger das vor den Toren der Stadt liegende Land urbar gemacht und Gärten und Felder angelegt. Dietrich hatte holländische Baumeister berufen, die mit ihrer Erfahrung und technischem Wissen den Dinslakern zur Seite standen. Der wasserreiche Rotbach, ‘die Beeck’ genannt, durchfloss als Grabensystem die Stadt und trieb am Altmarkt eine Mühle an.

 

 

 

Dinslaken 1273: Kaum fertig, schon zu klein

Kaum hatte die Stadt südlich des Kastells die Stadtrechte erhalten und - mit einer Erweiterung, sein Gebiet durch eine befestigte Mauer abgesteckt, war sie schon zu klein. „Stadtluft macht frei", hieß es im Mittelalter, doch neue Bewohner mussten sich außerhalb der Mauern ansiedeln. 1349 wird dieser neue zweite Ortsteil erstmals in den Quellen erwähnt, als Graf Johann von Kleve die Gründung eines Johanniterklosters erlaubte. Die Behausungen standen aufgereiht wie Perlen an zwei Schnüren, links und rechts der Straße nach Hiesfeld, der so genannten Neugasse, heute Neustraße. Denn in Hiesfeld stand die Kirche. Sie war dem heiligen Cyriakus geweiht und ist die bis heute erhaltene evangelische Dorfkirche. St. Vincentius im Herzen Dinslakens wurde 1396 erstmals als Kapelle urkundlich erwähnt. Sie wurde erst 1436 eigenständige Pfarrei.

Eigene Identität entwickelt

Zu der Zeit hatten die Anrainer an der Straße nach Hiesfeld längst eine eigene Identität entwickelt. Sie umgaben ihre Häuser mit einem Wall aus Erde und Palisaden, schlossen die Straße nach Osten hin mit einem Tor. Sie wohnten in der Neustadt. Das von Mauern umgebene Dinslaken wurde zur Altstadt. Dort, wo heute die Friedrich-Ebert-Straße Duisburger Straße und Neustraße trennt, stand ein Tor. Die Meddelport, die Mittelpforte. Ein Schranke. Auch in den Köpfen. Die Altstadt und die Neustadt wählten eigene Bürgermeister, die Neustadt erhielt ein Viertel der städtischen Einnahmen als eigenen Etat.

Der Grundriss Dinslakens stand. Die Beek, der Rotbach mit seinen vielen Seitenarmen, wurde noch oft verlegt. Das Straßennetz des Mittelalters und die Anlage der Stadtbefestigungen sind bis heute erkennbar. Das Rittertor, die Zugangspforte zur mittelalterlichen Burg ist heute noch erhalten. Teile der Stadtmauer wurden restauriert. Sternförmig breiten sich Duisburger und Eppinghovener Straße vom Altmarkt aus. Das Privileg, einen Wochenmarkt zu halten, erteilte übrigens Herzog Johann 1. am 29.Oktober 1478. Auch den Wochentag bestimmte er, wie man aus der "Stadtgeschichte Dinslaken" von Rudolf Stampfuß und Anneliese Triller erfährt: Dienstag ist Markttag. Bis heute.

Von Palisaden zu Garagen

Auf dem Situationsplan des Geometers Vogelsang von 1825 lassen sich mühelos die Stellen aufzeigen, die heute im Rahmen der Innenstadtentwicklung diskutiert werden. Der bereits genannte Übergang zwischen Neustraße und Altstadt, der nördliche Wall über dem Kloster Marienkamp und seinem Garten, heute ein Parkplatz. Der breite Rutenwall, beidseitig gesichert durch zwei Gräben der Beek. Die Wallstraße wurde ausgebaut. Kein Boulevard wie in den Großstädten, aber in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Ort für das „Moderne Theater". Die Fläche zwischen Rutenwallweg und Am Rutenwall ist bis heute größtenteils unbebaut - oder Ort von Garagen, die kaum eine ästhetische Verbesserung gegenüber dem Palisadenwall von einst darstellen.

Bahnhof auf Distanz gehalten

Auf dem Platz, dem das Neutor den Namen gab, wurde dann ab 1831 Vieh zu Tausenden gehandelt. Beinahe eine Randnotiz, nichts erinnert baulich mehr daran. Der Bahnhof wurde 1856 räumlich auf Distanz gehalten, die Stadtverwaltung stand laut Stampfuß dem Projekt kritisch gegenüber, ließ sich erst durch Fördergelder überzeugen.

Also keine Visionen in Dinslaken? 1899 wurde der 26-jährige Bauführer Heinrich Nottebaum aus Tilsit nach Dinslaken berufen. Seine Ideen einer modernen Stadt im Grünen brachte in der Folgezeit einige Veränderungen.

vgl. auch Martina Schack in NRZ, 12.01.08